top of page
  • Autorenbildfraeulein_franzi

"Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei."


ein orangenes Megafon auf orangener Wand

Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei,

heißt es am Anfang der Bibel.

 

Und doch fühlte ich mich als 13-Jährige allein. Allein mit destruktiven Gedankengebäuden - einer sehnsüchtigen Leere, einer klaffenden Angst und diffusem Selbsthass. Ich wuchs mitten unter liebevollen Menschen auf – mit Familie, Verwandten und Freunden - einem riesigen, sicheren Kosmos, der der Wohligkeit, Zugehörigkeit und Enge eines Bienenvolkes glich. Doch ich hatte weder Worte noch den Anlass mich ihnen mit meiner inneren Dunkelheit anzuvertrauen. Es mag kitschig und verkürzt klingen, aber als die Worte von Jesus auf mein suchendes Herz treffen, wirft meine Seele einen Anker und es wird Licht in mir. Das ist 20 Jahre her, aber die tiefe Einsamkeit meiner suchenden Seele eine verblasste Erinnerung.

 

Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, meine Seele braucht die Verbindung zu ihrem Ursprung, ein Zuhause in dieser großen weiten Welt.

 

Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, aber als 10 Jahre später neue Ängste und Panik aufkommen, mein psychisches und körperliches Gleichgewicht außer Kontrolle gerät ist es ein anderes Alleinsein, das ich empfinde – ein Nicht-Allein-Sein-Können, ein Nicht-Allein-Einschlafen-Können, weil die Angst mich wachhält.

 

Dieses Mal habe ich Worte mich anzuvertrauen.

 

Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, denn wenn er fällt, so ist es gut, wenn einer oder mehrere da sind, die ihm wieder aufhelfen. Da Nöte sich unterscheiden, braucht ein Mensch verschiedene Menschen, die ihm zur Seite stehen - Freunde, Familie, Partner, aber auch Beraterinnen, Therapeuten, Mentoren, Seelsorgepersonal, geistliche Begleitung - eine "community".

 

Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, aber als meine Glaubensüberzeugungen durchgeschüttelt werden, fühle ich mich unverstanden - allein mit meinem Weg. Es gibt eine Form des Alleinseins, die mit Zugehörigkeit und der Erfahrung „die Ausnahme zu sein“ zu tun hat. Ich habe mich in meinem Leben als Migrationskind an der schwäbischen Grundschule, als Dicke unter Dünnen, als Fromme an der Uni, als Single unter Ehepaaren, als Frau unter Männer schon einsam gefühlt. Wer die Erfahrung gemacht hat, der/ die Einzige unter anderen zu sein, kennt diese Form des Alleinsein. Das Gefühl von Fremdsein, Ausgeschlossen sein und Werden, die Erfahrung von Diskriminerung und Ausgrenzung. Vielleicht kannst du keine Kinder kriegen, oder bist der mit den Kindern, der ohne Schulabschluss, die eine, die die Religion wechselt, derjenige ohne das Geld für den Freundesurlaub, und so viel mehr.

 

Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, aber manche Gruppen lassen einen einsam fühlen. Einsamer als wenn man allein ist. Es ist eine Form des Alleinseins, die sich nach Gleichgesinnung sehnt, nach Räumen in denen man gehört, gesehen und verstanden wird. Doch das "eigene Sichtbarmachen" ist kräftezehrend und manchmal auch schlichtweg nicht erfolgreich. Da braucht es Mut im Alleinsein und Menschen, mit denen ich die Erfahrung teilen kann.

 

Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, aber dann stellte ich fest: Allein sein ist mein Alltag.


Ich, die in ihrem Leben bis dahin selten Zeit allein verbracht hat. Ich, die sich in Gruppen am wohlsten fühlte. Ich, die es bei ihrem ersten Versuch allein zu wohnen, kein Jahr geschafft hat, bevor sie wieder in eine WG gezogen ist. Doch nach 10 Jahren WG-Leben hielt ich es für eine gute Idee und zog für den Job in eine neue Stadt und eine eigene Wohnung. Wenige Monate später kam der Lockdown.

 

Es folgt eine Zeit, in der ich so viel Zeit, wie noch nie zuvor in meinem Leben allein verbringe. Es gibt sie – die einsamen Stunden und verzweifelnden Abende. Die Angst, dass sich dieser losgelöste Schwebezustand, der zu einem Lebensgefühl wird nie wieder ändern wird. Diffuse Gefühle von Einsamkeit, Mangel an Gemeinschaft und Fragen rund ums Singlesein treffen aufeinander. Ich melde mich auf (gefühlt fast allen) Online-Dating-Plattformen an und lege mir damit den Aufwand eines unbezahlten 450€ Job zu - denn die Nachrichten und Dates muss man schließlich erstmal organisieren. Neben dem vielen Alleinsein entdecke ich auch eine produktive Seite des Alleinseins. Ich komme auf neue Ideen, beginne einen Blog, schreibe ein Buch und beginne regelmäßig auf Instagram zu posten – ich weiß, ich wäre ohne Instagram in dieser Zeit einsamer gewesen. True Story. Ich habe in der Zeit auf Instagram Menschen und Gleichgesinnte entdeckt, die mich weniger allein fühlen ließen – punktuell, aber auch bleibend.

 

Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, aber manchmal ist er es und dann ist es besser, dass er gut allein ist, als schlecht allein.

 

Ich musste lernen „gut allein“ zu sein. Vor meinen Gedanken und Gefühlen nicht in die Gemeinschaft fliehen zu können, sondern mich damit auseinanderzusetzen. Mich mit mir selbst als einem wertvollen Gegenüber anzufreunden, die Stille aushalten und gestalten. Aus meinem anfänglich sehr positiv besetztem produktiven Aufblühen im Alleinsein wird irgendwann ein Hamsterrad. Die Angst vor einer "möglichen Leere" hält mich von frühmorgens bis spätabends in einem Mantra gefangen: "solange Du arbeitest ist alles gut." Arbeit ist in meinem Leben positiv besetzt, wofür ich dankbar bin. Gleichzeitig ist sie kein Allheilmittel gegen das Alleinsein und kann das "gut allein" nicht vollständig ausfüllen.


Als ich lernte mein "Gut allein" mit Schönem und Gutem zu füllen kam irgendwann die Zeit, dass wir wieder live Gottesdienste feierten und beim ersten Mal liefen mir die Tränen über das Gesicht. Ich spürte erst dann, was mir so richtig gefehlt hatte: absichtsloses Beisammensein, menschliche Wärme, die in einer Gruppe entsteht, gemeinsamer Lobpreis, Kleingruppe, Hochzeiten, Freizeiten, Dinnerpartys, Geburtstag, Konferenzen – meine Gruppenseele blühte wieder auf und ließ meine Ambitionen zum Online Dating auf halber Strecke verhungern. Als meine beste Freundin, und später ihr Mann, in meinem Haus einziehen, verflüchtigt sich der „Mangel an community“ noch mehr und mein Alltag fühlte sich zunehmend wieder verbundener an.

 

Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, denn er ist ein Beziehungswesen, in vielfältiger Dimension. Gleichzeitig taucht Alleinsein in unterschiedlicher Weise (auch wieder neu) auf und braucht daher auch verschiedene (neue) Antworten.

 

Eine meiner größten Antworten sind meine Freundschaften und Community in und durch meine Kirche – Alltagsfreunde, beste Freunde, Seelenverwandte, Geschwister, Weggefährten, Kollegen, Spaßfreunde, weise Freunde uvm.


Doch gegen manches Alleinsein sind sie nicht die Antwort.

 

Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, aber durch diese Anerkennung füllt sich nicht automatisch die kalte Bettseite neben mir. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, aber mein Singlesein ist auch eine Form des Alleinseins.


Es äußert sich bei mir momentan als ein körperliches Alleinsein, auch ein sexuelles Alleinsein, wobei das eine vom anderen unterschieden werden muss. Es kam in den vergangenen Jahren vor, dass eine Woche vergehen konnte und ich kaum eine Person berührt hatte. Die Erfahrung teilten andere und ich erinnere mich an eine Frau in meiner Kirche, die an einem Sonntag auf mich zukam und sagte: „Darf ich dich umarmen, ich hatte die ganze Woche noch keine Umarmung.“ Zu wenig körperliche Berührung kann es in unterschiedlichen Lebensphase geben – es gibt Kinder, die zu wenig Zuwendung erleben, Erwachsene, die das aufgrund ihrer Umstände nicht haben und gerade auch ältere Menschen, die außer der „Pflege“ manchmal keine Berührung erleben. Die fehlende körperliche Nähe ist eine Form des Alleinseins, die dahingehend schwierig ist, dass ihr etwas entgegengestellt werden muss, das jemand anders Dir gerne geben kann und möchte.


Es ist ein Angewiesensein auf ein Geschenk, das jemand anderes aus freien Stücken macht und man natürlich auch gerne annehmen willl. Und da fliegt mir der Satz dann manchmal lautstark um die Ohren, wenn Leute zu mir sagen: "Dann heirate doch". Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, aber ich kann mir den Partnerwunsch nicht zielführend selbst erfüllen.


Da gibt es auch eine praktische - eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Seite.


Auf Hochzeiten, Familienfeste und Beerdigungen wird man meist mit Partner eingeladen. Da überall allein hinzugehen reicht von Leichtigkeit bis Albtraummaterial.

 

Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, aber meine Miete teilt sich nun mal nicht auf zwei auf. Die Mental Load rund um Haushalt, Einkauf, Finanzen, Versicherungen Altersvorsorge und Zukunftsplanung liegt bei mir allein. Es gib daher auch ein "wirtschaftliches Alleinsein", ob das jetzt offiziell so genannt wird, oder nicht. Manches Alleinsein ist pragmatisch anstrengend und so manche Sorge leichter, wenn man sie aufteilt.

 

Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, aber manchmal ist Alleinsein auch leichter.

 

Ich kann (mittlerweile) sehr gut mit mir allein sein und frage mich manchmal, ob es eine magische Grenze gibt, die ich zu einem „zu gut mit sich allein sein können“ überschreite. Ist man irgendwann nicht mehr fähig für eine enge Beziehung und tatsächlich besser allein?

 

Kann sich das „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist“ umformen? Wenn meine „Me-Time eine Heilige Kuh wird, das Alleinsein mir lieber wird als die Gemeinschaft, das Singlesein das stetige Feiern meiner Unabhängigkeit wird- sind das vielleicht nicht nur Perlen.


Wird uns die jeweilige Beziehung in der wir stehen nicht auch zur Last? Allein die Vorstellung von Gemeinschaft zur Anstrengung?


Ich weiß, dass so mancher von euch denkt "Ich wünschte ich wäre mehr allein." Es gibt Lebensphasen, das ist das "Alleinsein" die Pause vom Rest.


Doch Alleinsein ist nur dann eine Ressource, wenn es eine Alternative gibt, nicht wenn es der Normalzustand ist.

Wenn ich zu viel allein bin, ist es weder Freiheit noch Schönheit. Dann kann es zu einer Unfreiheit werden, in der ich meine Bedürfnisse gegenüber anderen Menschen kompensieren oder betäuben muss.

 

Dietrich Bonhoeffer schrieb in „Gemeinsames Leben“

 

„Wer nicht allein sein kann, der hüte sich vor der Gemeinschaft. Wer nicht in der Gemeinschaft steht, der hüte sich vor dem Alleinsein. Jedes für sich genommen hat tiefe Abgründe und Gefahren. Wer Gemeinschaft will ohne Alleinsein, der stürzt in die Leere der Worte und Gefühle, wer Alleinsein sucht ohne Gemeinschaft, der kommt im Abgrund der Eitelkeit, Selbstvernarrtheit und Verzweiflung um.“ (S.66)

 

Es braucht beides, das Alleinsein, die Gemeinschaft - das eine für das andere. Es braucht eine Wahlmöglichkeit, das Gefühl, von "ich kann" und nicht "ich kann nicht anders".


Dann kann das Alleinsein zu einer Ressource werden. Zu einer Zeit, die ein Auftanken bei und mit Gott ist. Eine Zeit der Reflexion, der Meditation, des Nachspürens eigener Gedanken, Bitten und Sehnsüchten. Im Alleinsein kann ich mich entdecken mit meinem Fühlen und Wollen, das einmal auch unabhängig von Bedürfnissen anderer ist.


Ich möchte Allein sein weiter lernen, denn Allein sein ist ein Teil vom Leben.


Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, heißt es Anfang,

aber es gibt Wege und Zeiten im Leben, die geht der Mensch allein.


Für sich.

 

Dabei werden wir von Gott nie ganz allein gelassen. Ich finde es tröstlich, dass die letzten Worte von Jesus folgende sind:


"Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt." (Matthäusevangelium 28,20)

 

Sein Mit-uns-Sein geht über die mir greifbaren Dimension meines Alleinseins hinaus und begegnet mir gerade auch inmitten von ungewolltem Alleinsein und Momenten der Einsamkeit ganz unverhofft.


Da verpufft nicht jedes Gefühl von Einsamkeit magisch, aber in jedem Moment ist mir der Blick eines Gottes gewiss: Du bist gesehen, ich bin bei dir.


Bis ans Ende der Welt, nicht nur bis an mein eigenes. Unverhofft tröstlich, wohltuend, meine Kategorien weitend.


Und das wünsche ich Dir auch, ganz gleich in welcher Hinsicht Du dich allein fühlst.

183 Ansichten0 Kommentare

Comentários


bottom of page