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Die Frau, die sie wollten, oder eine Lektüre, die ich zu persönlich genommen habe.



Mehr als nur ein Buch.

Ich habe mir das Buch „The woman they wanted. Shattering the Illusion of the Good Christian Wife.” von Shannon Harris unbedarft, aber neugierig auf den Hinweis meiner Schwester hinbestellt. Unbedarft, weil ich viel und alles Mögliche les, sowie literarisch freizügig unterwegs bin.


Neugierig, weil Shannon Harris Perspektive mit meiner eigenen Geschichte eng verknüpft ist, auch wenn mir das in den letzten 20 Jahre nicht stetig vor Augen war.


Es sind die frühen 2000er, als mir das Buch ihres Ex-Mannes begegnet. Ich kann vermutlich wenige Buchtitel so akkurat abrufen, wie dieses. Der illustre Titel lautet in der deutschen Übersetzung: „Ungeküsst und doch kein Frosch“ und im Untertitel „Warum sich warten lohnt - radikal neue Einstellungen zum Thema Nr. 1“, weil wir im Deutschen gerne direkt erklären um was es konkret geht. (engl. „I kissed dating goodbye.")


Auf dem Cover ein Bild eines charmant aussehenden jungen Mannes in einer Fotobearbeitung, die wir in den Jahren noch hipp fanden. In meiner Erinnerung liegt es auf der Kommode meiner älteren Schwester und ich bin vielleicht so 13, vielleicht auch etwas jünger oder älter, als ich es lese.


Der Titel „Ungeküsst und doch kein Frosch“ ist vielleicht deshalb so eingebrannt, weil der Inhalt nicht einfach die Sichtweise eines 21-Jährigen amerikanischen „homeschooled“ Kid ist, sondern der Klassiker eines „True love waits“ – Movements, „Joshua Harris“ - das dazugehörige Aushängeschild. Ein Movement, das die Kommunikation zu Sexualität in meinem Aufwachsen entscheidend formt.


Ehrlicherweise kann ich mich an den konkreten Inhalt des Buchs selbst nicht groß erinnern. Die Stimmen aus Predigten und Bibelarbeiten dazu sind präsenter. Ich erinnere mich auch einen Jugendtag zum Thema „Sex“, wo der Redner es schaffte, das Wort nicht einmal zu verwenden. Das war aber später und ich hätte es vergessen, wenn es mir nicht ein Freund erst vor wenigen Jahren wieder erzählt hätte. Was ich jedoch noch weiß ist, dass Sexualität für mich ein Thema ist, das mir lange fremd bleibt – die, die begehren sind andere (Männer), die die begehrt werden sind auch andere (andere Frauen). Doch dazu an einer anderen Stelle irgendwann mehr.


Als Harris‘ Nachfolgewerk „Frosch trifft Prinzessin“ ein paar Jahre später erscheint, tritt nun Shannon Harris ins Bild. Sie wird die Prinzessin in dem Szenario. Lost girl trifft die große Liebe. Und weil Boy und Girl alles richtig gemacht haben, bekommt die Botschaft die finale Krone aufgesetzt.


Da erinnere ich mich zumindest daran, dass manche in meinem Umfeld „das Warten mit dem Küssen bis zum Traualtar“ trotz ähnlicher Prägung etwas übertrieben finden. Andere wiederum idealisieren die rigide „Courting“ Idee von Joshua Harris, sodass seine Sexualethik eine der Hintergrundfolien meiner Teeniejahre bildet.


Fast forward.

Es ist 2019 und Joshua Harris gibt bekannt, dass er dem christlichen Glauben den Rücken zugekehrt hat, er und Shannon die Scheidung eingereicht haben und er seine Bücher gerne zurückrufen würde. Er entschuldigt sich für den Schaden, den er mit seiner Message angerichtet hat und bietet sich an Menschen bei ihrer Entkehrung zu coachen.


Ich durchforste das Internet und seinen Instagram Account, wie so eine Katastrophentouristin auf der Suche nach Antworten auf die Ungereimtheiten ihrer eigenen Biografie. Ich habe die letzten 15 Jahre vermutlich nicht einmal bewusst an Joshua Harris gedacht, aber er steht auch nicht allein für sich, sondern für eine Kultur, die mich mitgeprägt hat.


Und dann liegt 2023 dieses Buch seiner nun Ex-Frau auf meinem Schoß und ich spüre ein ambivalentes Gefühl. In mir schwelt ein Ärger, weil man nicht einfach ein Feuer auslösen und sich mit einem „Ach sorry Leute“ aus der Affäre stehlen kann. Das Pendel von „Joshua als Gallionsfigur einer Purity Culture“ zu „das war alles ganz furchtbar und ich wusste nicht, was ich tat“ lässt mich Fragen stellen. Ich erahne aber auch, dass ich mich in irgendeiner Weise mit den Worten von Shannon Harris identifizieren werde, denn allein der Titel ruft bei mir eine alte, schwere Traurigkeit ab: „I was not the woman they wanted - yet I tried.“


Shannon schreibt schön. Ihr Buch besteht aus sieben Kapiteln, die Titel wie „Illusions“, „Missing pieces“ und „Braver things“ tragen. Jedes Kapitel besteht aus kurzen Fragmenten – Erinnerungen und Reflexionen. Ihre Worte eingängig, tief- und nachgehend. Holt mich ab.


Schon im Vorwort weist sie aus, was sie versucht zu vermeiden: „I have sought to avoid confusing my experience at my church with hasty generalizations about Christianity”, (Vorwort, XIII) – was ich ein feines Anliegen finde, weil mich grobe Generalisierung nie abholen und selbst diese Aussage müsste man relativieren.


Ihr Anliegen: “It is a book about the vital connection we each need to ourselves, our values, and our dreams.” (Vorwort, XIII).


Lebensnotwendiges Verbundensein.

Das fühle ich sehr, denn ich habe Jahre gebraucht, die widersprüchlichen Fragmente meines Daseins miteinander ins Gespräch zur bringen und es sind Worte einer bleibenden Sehnsucht.


Die ersten Passagen lese ich schlichtweg interessiert, weil sie so ganz anders aufgewachsen ist als ich. Shannon beschreibt ihr Aufwachsen außerhalb der Kirche, ihre Kindheit, Familie, Freundschaften, Umzüge und ihren Wunsch irgendwann Sängerin zu werden.


Sie hat mit Glauben nichts zu tun und als sie das erste Mal mit einem Freund in die Kirche geht, ist sie befremdet, fühlt sich fehl am Platz und will wieder weg.


Beim Lesen wird zunächst nicht wirklich klar, warum sie wieder hin ist. Später beschreibt sie, dass sie suchend war und im Vertrauensvorschuss gehandelt hat. „I entrusted myself to them.“


Sie wird als 24-Jährige Teil eines Systems, in dem sie von Anfang an Scham empfindet. Kein Jahr später wird sie die Frau von Joshua Harris und damit Teil einer patriarchalen Ehe- und Gemeindehierarchie, in der sie sich selbst verlieren wird.


An diesem Weg kreuzen sich unsere Geschichten zum ersten Mal, denn ich bin 24 Jahre alt, als ich ein ähnliches Gemeindesystem verlasse, welches sie im gleichen Alter betritt, wenn auch mit 14 Jahren Zeitunterschied.


Ich will der damaligen 24-jährigen Shannon zu rufen, dass sie in eine Falle läuft. Will sie fragen, warum sie als erwachsene Frau etwas mit sich machen lässt, was sie so kleinhalten wird? Will sie ermutigen, dass ihr Bauchgefühl nicht trügt.


Liebte sie Joshua so? Sah sie es damals viel positiver, als sie es rückblickend beschreiben kann? War das System so überzeugend?


Ich spüre während des Lesens Ärger und Frustration sich Wege bahnen.


Warum wird Shannon diese Prinzessin?


Etwas in mir will sie schütteln. Denn wäre sie nicht die Prinzessin geworden, wäre die Blase vielleicht früher geplatzt und kein „Frosch trifft Prinzessin“ hätte ihr pseudochristliches Eheideal zu dem Vorbild meines Aufwachsens machen können.


Wäre, hätte, könnte.


Es ist keine faire Beurteilung von mir und auch kein echter Vorwurf.


Es ist der Schmerz einer jungen Frau, die diese Wahl nicht gehabt hat.

Es ist auch meine eingeschränkte Sicht, die sich vergegenwärtigen muss, dass sich die eigene Erfahrung nicht übertragen lässt. Meine Geschichte bekommt ihre Plausibilität nicht dadurch, dass andere sie genauso erlebt haben, und sie verliert sie nicht dadurch, dass andere Frauen sich in dem gleichen Aufwachsen anders empfinden.


Manche Passagen lese ich in schmerzhafter Identifikation. Ich habe die Botschaft, dass ich mir selbst nicht vertrauen kann und mein Gefühl mich irreleitet, ganz schräg verinnerlicht.


Ich kenne die Kontrolle, die Sprache über „weibliche Dominanz“, das Gefühl eine Frau zu sein, schräge theologische Auslegungen und das Gefühl als Frau in einer Falle zu stecken, diese Falle aber als gottgewollt anerkennen zu sollen.


Ich kenne das Gefühl beschämt zu werden, das Gefühl „falsch und fremd“ zu sein, das Gefühl als Frau eine schwere gläserne Decke über sich zu haben, das Gefühl sich verbiegen zu müssen, um dazuzugehören - es wird von Freiheit gesprochen, aber sie fühlt sich nicht so an.


Timing.

Es ist weit nach Mitternacht. Mein Körper ist todmüde, aber meine Seele ist aufgewühlt. Die Unbedarftheit der Lektüre weicht der Erinnerung und ich denke, dass es eine ganz schlechte Idee war dieses Buch auf die Insel mitzunehmen.


Hinter mir liegt eine Tagung für Pastorinnen und Pastoren, bei der ich Teilnehmerin war, vor mir eine Tagung mit ehrenamtlichen Leitungsteams aus Gemeinden, bei der ich Referentin bin.


Mir dämmert in dem Moment, dass ich zu leichtsinnig mitgefahren bin. Habe meiner Freundin vertraut, die mich auf das Angebot aufmerksam gemacht hat, fand die Aussicht auf Meer im November toll und habe im Vorfeld nicht so drüber nachgedacht, was es genau ist.


Ich bringe ein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber frommen Systemen mit und der Weg in meine eigene Kirche, in der ich mittlerweile Pastorin bin, war nicht nur lang, sondern bildet auch eine Ausnahme.


Das ist, wie wenn man viele schlechte Erfahrungen mit Männern (od. Frauen) gemacht hat und dann die oder den einen findet, bei dem es anders ist. Das ist zum einen zwar schön, aber versöhnt einen zum anderen nicht zwangsläufig mit dem System, sondern kann es sogar in der Abgrenzung verstärken.


Und dann liege ich wach in meinem Zimmer und fühle mich, als wäre Shannon Harris plötzlich Albus Dumbledore, die mich durch ihr Buch zu meinem eigenen Denkarium* führt.


[Für alle Nicht-Harry-Potter-Fans: Ein Denkarium (im Original: Pensieve) ist eine große flache Steinschale, in der frühere Erlebnisse und Erinnerungen abgespeichert und später wieder angesehen werden können.]



Denkarium.

Dezember 2003.


Ich bin 15 Jahre alt, und zum ersten Mal in der „Jugendstunde“. Es ist die Zeit, in der die Mädels der Gemeinde anfangen Hosen zu tragen und viel diskutiert wird, ob und für welche Gemeindeveranstaltungen es angemessen ist. Ich habe kein Interesse an einer Diskussion, will kein „Anstoß erregen“ und hab andere Sorge. Ich ziehe meinen beigen Cordrock an, weil er der einzige Rock im Schrank ist, der gerade passt. Körper und Kleider für mein Teenagerselbst ein Kampf.


Es ist 20 Jahre her, aber manche Szenen haben sich detailreich eingebrannt.


Ich betrete den schlichten Jugendraum mit dem blassen Boden und dem grellen Leuchtröhrenlicht. Ich stehe ein paar Augenblicke allein, überlege zu wem ich mich setze, es ist kurz vor 20 Uhr.

Ein Jugendmitarbeiter kommt auf mich zu. Er begrüßt mich mit einem Händedruck und lehnt sich dann zu mir, um mir etwas zuzuraunen. Ohne Umschweife, ohne Einleitung sagt er leise:


„Es ist schön, dass Du einen Rock trägst, aber deiner ist zu kurz.“

Die Jugendstunde beginnt, der Raum wird verdunkelt, sodass man Lieder vom Overheadprojektor singen kann. Ich verlasse den Raum, gehe in der kalten Dezemberluft vor die Tür und setze mich auf den Bordstein an der Straße.


Ich schäme mich. Ich hatte zwar bewusst darüber nachgedacht, aber es trotzdem falsch gemacht. Ich wollte mich richtig verhalten und werde beschämt. Ich wollte gut sein, aber es reichte nicht aus. Ich wurde für nicht gut genug befunden.


Es ist ein Schamgefühl, das mir vertraut ist. In meinem Leben ist viel Scham, denn ich schäme mich nicht nur für meinen Körper. Der Mitarbeiter konnte nicht wissen, wieviel Überwindung mich mein Körper täglich kostet, mit welchen destruktiven Mustern und Unfreiheiten ich kämpfe, mit welchen dunklen Gedanken ich einschlafe.


„Dein Rock ist zu kurz.“


Für wen? Für was? Ich schaue auf meine schlanken Beine, die in einer schwarzen blickdichten Strumpfhose stecken. Sie sind das Einzige, was ich an meinem Körper damals okay finde, obwohl sie aufgrund zahlreicher Knochenbrüche noch nicht einmal gleich schlank sind.


Es wird schnell zu kalt. Ich wische meine Tränen ab, zieh meinen Rock gerade und geh wieder rein. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt über eine Alternative nachgedacht habe. Ich glaube nicht.


Die Frau, die ich nicht wurde.

Und dann bin ich 20 Jahre später auf Langeoog und zucke am nächsten Tag zusammen, als mich ein Kollege aus dem FeG-Bund anspricht. Ich bin plötzlich vom Gefühl her nicht fast 35 und Pastorenkollegin, sondern 15 und erwarte Kritik für mein Outfit, denn die kurzen Röcke sind geblieben. Doch Kollege ist an meinem Outfit nicht interessiert und wir plaudern über dieses und jenes.


Ich kann nur schwer beschreiben, dass sich „fromme Männer in frommen Systemen“ für mich nach wie vor wie eine Bedrohung anfühlen können. Nicht weil ich mich klein fühle, sondern weil ich denke, dass sie mich klein halten wollen. Offenkundig hat mein Erwachsenenselbst die letzten Jahre damit verbracht sich der Bedrohung immer wieder konstruktiv zu stellen, aber das innere Kind ist sich noch nicht ganz sicher.


Wenn Shannon Harris beschreibt, wie sie sich in den letzten 20 Jahren von „männlicher Dominanz“ beherrscht gefühlt hat, dann habe ich in den 20 Jahren versucht mich davor zu wehren. Mal vehement, mal humorvoll, mal charmant.


Ich will nicht beherrscht werden. Ich will mich keinem männlichen System unterordnen, keine Platzanweisung bekommen. Was Shannon Harris am eigenen Leib in Kirche und Ehe erlebt hat, war für mich eine Zukunft, vor der ich mich fürchtete.


„The Woman they wanted.“


Shannon Harris schreibt, dass sie diese Frau wurde und sich selbst dabei verloren hat. Ich schau auf mein Leben und weiß, dass ich nicht diese Frau bin. Doch manchmal trage ich sie noch in mir - wie ein inneres Schattenbild oder ein Schuldgefühl, als sei es mein Versagen, dass ich sie nicht werden konnte. Und mein Singlesein wird dann zum Beweis, dass ich sie nicht werden wollte.


Shannon Harris schreibt: „I was a young woman wanting to know more about God. I went into church because that was where the God experts were. I entrusted myself to them. But rather than work with me on this, they took over and excluded me and so reduced my awareness and participation in an experience that was supposed to be mine. And I wonder, how much of my life have I missed while the men were busy directing it?”


Mir kommen beim Lesen die Tränen. Ich weine um Shannon, weil sie an einem Ort, der sicher sein sollte, zutiefst verunsichert wurde. Ich weine um Frauen, die kleinhaltende Erfahrungen machen und sich dabei einreden, dass das gottgewollt ist.


Und ich weine, weil ich feststelle, dass dieses Gefühl weder meine Gegenwart, noch meine Zukunft ist.


Doch manchmal ist die Vergangenheit nur einen Augenblick entfernt. Es ist erst sieben Jahre her, dass mein (Jetzt)Kollege mir damals sagte:


„Du hast deinen erschreckten Blick verloren, wenn ich dich frage, wie es dir geht.“

Zu dem Zeitpunkt kennen wir uns bereits über zwei Jahre und es bewegt mich nachwievor, wie lange es gebraucht hat mich von einer simplen Frage eines Mannes in einer Kirche nicht kontrolliert zu fühlen.


Ich habe Jahre gebraucht um neu zu vertrauen, dass mir hier keine Falle gestellt wird.


Und ich muss es immer noch lernen.


Der Ort an dem ich Heilung erfahre, ist die Kirche. Der gleiche und doch so andere Ort.


Während Shannon Harris in ihren Mittvierzigern feststellt, dass die Kirche, die sie als Mittzwanzigerin betreten hat, krank macht, beginnt Kirche, wie sie mir Ende 20 begegnet, zu einem heilsamen Ort zu werden.


Stückweise, langsam, nicht linear, aber über Jahre stetig.


Scherben.

Ihr Mann Joshua verlässt die Kirche vor ihr. Der Ehe fehlt ohne das religiöse System der Grund. Sie lassen sich scheiden: „I stumbled through the end of my marriage just as I stumbled through the beginning.”


Ein “beginning”, das mir vor 20 Jahren als Ideal vor Augen geführt worden war. Für Shannon Harris geht mit dem Ende ihrer Ehe auch das Ende einer Illusion einher: „the death of the good woman they wanted“.


Das Bild, in das sie sich pressen ließ, zerbricht.


“Will they listen to my story? It is unlikely. It is more likely they will caution women not to listen to it. They might say I am embittered or discredit me as someone not worthy to speak. […] But most of all they will try not to hear it because they are afraid of what it might cost the if they do.”


Sich bedroht zu fühlen und gleichzeitig als Frau permanent als Bedrohung ausgewiesen zu werden, ist eine Erfahrung, die Frauen über die Jahrhunderte machen werden, teils mit tödlichen Folgen.


Wenn ich auf meine Prägung zurück schaue, dann ist einer der lautesten Sätze „Sie meinten es doch nur gut“ und es gibt ihn in verschiedenen Varianten und Stimmen.


Ich glaube ihn sogar. Wenn man Teil eines Systems ist, dann geht es nicht in erster Linie um Einzelpersonen und ihre Sätze.


Doch darin liegt die Krux.


Denn wenn alle es gut meinen und man selbst nicht klarkommt, dann kann es nur an einer Person liegen: an mir selbst.


Ich bin falsch. Dass ich mich in frommen Kontexten fremd fühle, liegt an mir. Dass ich "christliche Ehe" als bedrohlich wahrnehme, mein bedauerliches „noch nicht verstanden haben.“ Dass ich nicht dominiert werden will, mein rebellisches Wesen.

Es ist eine der schmerzhaftesten Feststellungen meines Lebens, dass ich verlernt habe meiner Wahrnehmung zu vertrauen. Mich manchen Situationen (noch) nicht aussetzen kann, weil ich nicht weiß, was ich fühlen kann, darf, soll, muss.


It messes with your mind. Und verunsichert so tief.


Unser Pastoren Office war gegenüber der wohl hässlichsten Häuserfassade ganz Frankfurts – das alte Polizeipräsidium in der Ludwigstraße. Seitdem es vor ein paar Jahren an der Ecke gebrannt hatte, war es noch hässlicher geworden, denn nun zierten auch noch schwarze Brandflecken die potthässliche Außenfassade.


Vor ein paar Jahren versuchte ich meinen Kollegen zu schildern, wie sich meine Wahrnehmung anfühlte und zeigte auf die Fassade:


„Ich habe das Gefühl, als würde mir jemand sagen: Schau mal Franzi, Gott hat sich so was Wunderschönes dabei gedacht. Und ich stehe daneben und denke: es ist ganz offensichtlich hässlich.“


Ich müsste mich selbst belügen, um dir zuzustimmen.

„It is not enough to call something love. I need love to feel like love.” schreibt Shannon Harris.


Wenn Liebe sich nicht wie Liebe anfühlt, dann gibt es verschiedene Möglichkeiten – aber eine davon ist sicher, dass es einfach keine ist.


Der eigenen Wahrnehmung Vertrauen entgegenzubringen ist nicht das Gegenteil christlicher Nachfolge. Sie ist Teil davon. Ich musste lernen, dass das Abschneiden meiner Gefühle mich von Gott entfremdet hielt und mich ihm nicht näherbrachte.


Gefühle selbst sind kein Ziel an sich, aber geben uns Hinweise ihm auf die Spur zu kommen.

Ich weiß noch nicht, wie sich manche Dinge in meinem Leben weiter lösen werden. Aber ich weiß, dass es kein Muster Gottes ist, etwas gut zu nennen, was mich gleichzeitig zerstört und ich in meinem Kopf nicht mehr weiß, was „gut“ ist.


Das ist kein Muster Gottes, es ist ein Muster von Missbrauch.


Shannon Harris steht gleichzeitig für einen Schatten aus der Vergangenheit, wie für eine Weggefährtin, mit der sich Wege an auf eigenartige Weise kreuzen.


WEITER.

November 2023.


Am Meer lese ich die letzten Zeilen des Buchs und lege es zur Seite. Ich fühle mich aufgewühlt, aber auch im Frieden. Ich fühle mich verängstigt und gleichzeitig selbstsicher. Ich schreibe daraufhin diese Zeilen, denn ich sortiere mein Herz, wenn ich schreibe.


Ich sitze in der lichtdurchfluteten Hotellounge auf einem der bequemen gelbgepolsterten Stühle und bin ganz in Gedanken.


Ein älterer Pastor betritt den Raum und fragt, ob er mir was sagen dürfte. Automatisch nehme ich eine andere Haltung ein. Setze mich aufrecht hin, spanne mich innerlich an und bin gewappnet, weil alles kommen kann.


War etwas an meinen Bibelarbeiten theologisch unsauber? Mein Humor inadäquat? Mein Outfit oder sogar mein Frausein falsch?

Oder kommt so ein halbes Kompliment, was sich aber eher wie ein Ohrfeige anfühlen wird im Sinne von: „Dafür dass du eine Frau bist, war das überraschend gut“.


Ich bin gewappnet. Ich schaff das. Ich bin schlagfertig, humorvoll, charmant, zur Not wird Kritik weggelächelt.


Doch es kommt anders.


Was folgt ist eins der schönsten und tiefgehendsten Komplimente, die ich in meinem Leben je bekommen habe. Präzise, wertschätzend, ermutigend, bestärkend und anerkennend.


Er kann es nicht wissen, wie bedeutsam es in dem Moment für mich ist und sage nicht viel.

Er bedankt sich und verabschiedet sich.


Ich atme aus und merke erst dann, wie angespannt ich war. Ich schreibe mir sein Kompliment auf, weil ich es behalten will.


Weil ich weiter lernen möchte von Männern Gutes zu erwarten, so platt es auch klingt. Ich will nicht mit Angst und Misstrauen leben. Keine Illusion füttern.


Als wir am darauffolgenden Abend Dinge aufschreiben, die wir am Meer zurücklassen wollen schreibe ich es auf. Ich will diese alte Angst loslassen. Einmal mehr.


Ich bin nicht dafür da eine Frau zu sein, die in ein starres Rollenbild passt oder ihre Legitimation durch ein männliches Absegnen braucht.


Dafür hat Gott mich nicht gemacht. Shannon Harris auch nicht. Und dich auch nicht.


Eine Frau, wie Gott sie will, ist kein Förmchen patriarchaler Vorstellung.


Ich denke an mich Selbst vor 20 Jahren. An die Gedanken und Gefühle meines 15-Jährigen Selbst.


Und ich stelle mit einem ganz starken Freiheitsgefühl fest:


Ich bin eine Frau, die ich gerne bin.

Und weil nicht zu vermessen - eine Frau, die Gott so wollte. Mit allem, was zu ihr gehört.









2.166 Ansichten14 Kommentare

14 commenti


Debora Balmer
Debora Balmer
19 feb

Bei diesen Zeilen konnte ich mein inneres Kind nicht mehr zurückhalten - ich schluchzte laut, denn ich kannte diese Momente so gut! „Ein älterer Pastor betritt den Raum und fragt, ob er mir was sagen dürfte. Automatisch nehme ich eine andere Haltung ein. Setze mich aufrecht hin, spanne mich innerlich an und bin gewappnet, weil alles kommen kann.“


Danke für deine ehrlichen Gedanken und wunderschöne, treffende Formulierungen!

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Jason Liesendahl
Jason Liesendahl
18 feb

Großartiger Text. Auf vielen Ebenen brillant. Vielen Dank! Jason

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franziska.kruppa
10 nov 2023

So schön, liebe Franzi 💜 Gott nennt nichts gut, was nicht gut ist für mich. So einfach und doch immer wieder übergangen. Danke für diese Klarheit!

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mary.goldsche
10 nov 2023

Danke liebe Franziska, ich bin sehr berührt und froh über deinen Text,letztlich berührt von dir und deinem Weg und seiner Ausrichtung.

Ich wünsche dir die nötige Ruhe und Erholung nach so einer Begegnung ( mit dem Buch,der Geschichte der Autorin und deiner eigenen Geschichte )

Ich hoffe du verstehst es richtig und es gefällt dir wenn ich sag ich bin dein Fan. ;-)

Liebe Grüße, Mary Goldsche

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j.bestaendig
10 nov 2023

Heul. So toll in Worte gefasst. Sitze, nach meiner Therapiesitzung, in der es um etwas ähnliches ging, in einem Cafe und lese deinen Text. Danke!!! Würd dich sofort dafür umarmen! Danke Franzi. Deine Gedanken haben auch mich sortiert.

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fraeulein_franzi
fraeulein_franzi
10 nov 2023
Risposta a

Oh danke 😘 Auch die vorgestellte Umarmung tut gut 💜

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