top of page
  • Autorenbildfraeulein_franzi

Von Wurzeln und Flügel, oder wie Töchter über die Beziehung zu ihrer Mutter sprechen können.


Meine Mutter hat fünf Kinder, unter ihnen drei Töchter. Man sagt mir nach, ich hätte ihr Lachen und ihre Leichtigkeit geerbt. In meinem Kühlschrank findet man außerdem fast immer einen Blätterteig, weil meine Mama meinte, dass man so auch sonntags immer etwas für spontane Gäste zaubern könnte.


Ob wir es bewusst reflektieren oder nicht – wie unsere Mütter sind und wie sie über sich selbst, die anderen, Gott und die Welt empfanden, hat Spuren in unseren Leben hinterlassen.


Unsere Mutter ist die eine Person, in deren Körper wir heranwachsen und deren Entscheidungen schon in der Schwangerschaft Auswirkungen auf uns haben. Diese Kausalität scheint manchmal überwältigend und löst bei Schwangeren nicht selten Stress aus.


Doch eine zu eng geführte Gleichung geht nicht auf.


Es gibt Mütter, die gefühlt alles falsch gemacht haben, ganz gleich ob es aus Unwissenheit, eigener Überforderung oder Lieblosigkeit geschah. Ihre Töchter können dennoch zu liebevollen Frauen heranwachsen. Andersherum aber auch. Man kann in der Erziehung viel richtig gemacht haben und garantiert damit nicht zwangsläufig einen Menschen, der die Liebe weitergibt.


Und ganz gleich, was wir aus unserem Elternhaus alles an Erfahrung und Prägung mitbringen, ich glaube, dass Gott ultimativ derjenige bleibt, der Neues schaffen kann, auch wenn die Startbedingungen alles andere als optimal waren.


Gott ist aber auch derjenige, der sich Mutterschaft überlegt hat und in Bezug auf sich selbst Bilder der Mutter verwendet.


Im Hebräischen gibt es ein Wort, das diese zwei Gedanken verbindet. Das Wort für „Gebärmutter“ – [hebr. rachamim] ist auch das Wort für die Barmherzigkeit Gottes.


Gottes Zuwendung zum Menschen und die Geborgenheit und Sicherheit, die er uns geben möchte, ruft das Bild der „Gebärmutter“ oder des „Mutterschoßes“ auf.


Sprich, wenn die jüdische Zuhörerin Texte wie Exodus 34,6 vor Augen hat „HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue“ tauchen vermutlich weibliche Assoziationen auf.


Dass Gott sich wie eine Mutter kümmert, bedeutet Fürsorge und Schutz. Seine Barmherzigkeit ist der sicherste Ort für jeden Menschen.


Cornelia Mack schreibt in ihrem Buch „Mütter & Töchter“, dass die Mutter in dieser Welt für eine gute Macht steht. Sie ist die Person, die sich voller Fürsorge der Bedürfnisse ihres Kindes annimmt. Im Bild gesprochen, ist die Gebärmutter im Körper der Mutter der „sicherste Ort“. An ihm kann Geborgenheit und Zuwendung erfahren werden, die von göttlicher Qualität sind.


Gottes Grundidee von Mutterschaft ist daher ein grundpositiver Gedanke und auch wenn die menschliche Umsetzung nicht perfekt ist, verkörpert Gott nicht nur den idealen Vater, sondern auch die ideale Mutter.

Teil unserer Geschichte.


Die Reflektion der eigenen Mutterbeziehung findet häufig in dem ein oder anderen Extrem statt. Entweder problematisieren wir sie oder wir tabuisieren sie. Entweder war unsere Mutter ganz schwierig und man arbeitet sich an den Themen ab, oder sie bleibt unantastbar. Mit der Aussage „sie hat es doch nur gut gemeint“ wird man in der Reflektion zum Schweigen gebracht. Dabei gibt es zwischen „gut meinen“ und „gut ankommen“ einen längeren Weg.


Mit dieser Thematik geht es mir weder darum, die Beziehung zur Mutter durchgängig zu problematisieren, noch aufzufordern, dass man doch einfach dankbar sein soll.


Denn unsere Mutter-Beziehung ist komplex. Ganz gleich, wo und wie du aufgewachsen bist, wir alle haben eine Mutter (gehabt). Sie ist die Person, in deren Bauch wir heranwachsen und deren Leben von unserem Anfang aufs Engste mit uns verknüpft ist. Diese anfängliche Verbundenheit bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass das so bleibt. Mütter und Töchter Beziehungen sind spannend. Zum einen, weil sie im Laufe des Lebens sehr starken Entwicklungen und Veränderungen ausgesetzt sind, aber zum anderen auch sehr spannungsreich sein können. Ganz gleich, ob dein erster Impuls bei diesem Thema leicht und locker oder belastend und schwer ist, wir alle haben gemeinsam, dass die Person Mutter und die Beziehung zu ihr, uns tiefgreifend geprägt hat. Das lässt sich nicht einfach nur in „gut“ oder „schlecht“ einteilen und soll auch nicht zum Ziel haben, nur Lob oder nur Kritik äußern zu müssen. Es geht darum, dass wir nachzeichnen und verstehen, wie uns diese Beziehung geprägt hat. Es geht darum sich aus Mustern zu lösen und bewusst zu reflektieren, wer wir geworden sind und wer wir sein wollen. Es geht auch darum, dankbar anzuerkennen, was wir an unseren Müttern schätzen und feiern, aber auch darum, dass wir diese Beziehung anschauen. Konflikte und Blockaden ansprechen und uns ultimativ mit ihr versöhnen.

In dem Austausch in meiner Kirche über die eigene Mutterbeziehung wurde deutlich, wie unterschiedlich diese aussehen. Manche beschreiben ihre Mutterbeziehung sehr positiv, manche als beste Freundin, andere haben eine sehr belastete oder distanzierte Beziehung, manche sind ohne Mutter aufgewachsen, haben ihre Mutter bereits verloren und widerum andere hatten sich noch nie Gedanken darüber gemacht. Genauso vielfältig sehen die Gefühle aus, die wir zu der Thematik haben – positiv, entspannt, freudig, angestrengt, wütend, verletzt, enttäuscht oder eingeengt waren Wörter, die fielen.

Doch unsere Mutter ist Teil unserer Geschichte, Teil dessen, wer wir geworden sind. Und im wahren Leben stehen Schönes und Schmerzhaftes oft nebeneinander, Dankbarkeit und Trauer können koexistieren, ohne sich gegenseitig aufzuheben.

Bereit für eine Reflektion deiner Mutterbeziehung?


Wurzel und Flügel.


Als ich 19 Jahre alt bin ich für einen Freiwilligendienst nach Uganda geflogen. Meine Mutter hat mir vor längeren Auslandsreisen häufig eine Karte geschrieben. Auf der Klappkarte stand ein Zitat von Goethe:

„Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“

Bindung und Unabhängigkeit. Sicherheit und Freiheit. Es braucht beides. Beides hat seine Wichtigkeit und beides hat seine Zeit. Am Anfang braucht es Wurzel und irgendwann braucht es Flügel.

#1 Die Wurzeln anschauen.


  • Zur Nestwärme unsere Mutter


Inwiefern hast du die Liebe deiner Mutter empfunden?

Was wurde dir an Vertrauen auf den Weg mitgegeben?

Für was bist du dankbar und was hat dir gefehlt?


In der Seelsorge schaut man sich häufig diese Wurzeln an. Es erweist sich als hilfreich die Ressourcen zu benennen, die man mitbekommen oder entwickelt hat. Und es liegt Heilung darin auch schwierige Bedingungen anzuschauen.


  • Zur Persönlichkeit unsere Mutter

Für manche von uns wird die Mutter im Verlauf des Erwachsenwerdens zur engsten Vertrauten, die beste Freundin und es ist selbstverständlich, dass man ihr Geheimnisse anvertraut. Für manche von uns geht viel Scham einher, wenn man an die eigene Mutter denkt – man schämte sich für ihr Verhalten oder ihr Auftreten. Für manche von uns ist die Mutter die größte Förderin, eine Kämpferin für die Chancen der Tochter oder die Projektionsfläche eigener unerreichter Ziele. Für manche von uns war die Mutter eher abwesend und die Beziehung ist entsprechend distanziert.

Irgendwann stellt man im Laufe des Lebens fest, dass die eigene Mutter auch einfach ein Mensch ist. Sie sind nicht ideal gewesen. Sie können es gar nicht sein. Denn sie sind wie du und ich, zunächst Menschen. Frauen mit ihrer eigenen Geschichte, Stärken und Schwächen, und eigenen Verletzungen.


Welches Erbe und welche Geschichte bringt deine Mutter mit?


  • Zu den Worten unsere Mutter

Mit Sätzen unserer Mütter ist es wie in anderen prägenden Beziehungen so, dass sie sich als Botschaften in unseren Seelen festsetzen und so internalisiert werden, dass sie uns bestimmen.


Es können explizit negative Sätze sein, die verletzen. „Du kannst nichts.“ „Ich hätte mir gewünscht, dass du anders wärst.“ Es können aber auch sehr positive Sätze sein, die uns ermutigen – „Du schaffst das schon.“ „Um dich mache ich mir keine Sorgen."


Wie diesen Sätze gemeint waren, sind nicht unbedingt die Botschaften, die mit uns gehen.


Kennst du solche Sätze?


So wie unsere Mutter über sich und dich, aber auch die Welt, über ihren Körper, über Sexualität, über Männer und andere Menschen spricht, sind Worte, die eine gewaltige Macht haben können.


Gleichzeitig beginnt ab dem Zeitpunkt, ab dem wir den Bauch unserer Mutter verlassen, ein Loslösungsprozess. Aus der frühen Symbiose entwickelt sich ein eigenständiges Menschlein und eine Persönlichkeit, die nach Unabhängigkeit strebt.


#2 Flügel sind zum Fliegen da


Während das „Wurzeln geben“ die Verantwortung der Mutter ist, ist das Fliegen Aufgabe der Tochter.


  • Vom Loslassen

Sich von seinen Eltern und auch von der eigenen Mutter aus der Symbiose zu lösen, ist ein gewollter Reifeschritt. Aus dem elterlichen Nest zu flattern ist nicht lieblos, sondern irgendwann notwendig. Es ist ein wichtiger Schritt des Erwachsenwerdens.


„Darum wir ein Mensch Vater und Mutter verlassen“ heißt es in der Anfangsgeschichte der Bibel.

Aber nur weil etwas notwendig und gut ist, heißt es nicht, dass es gleich leichtfällt oder ohne Konflikte von statten geht.


Gerade für die Mutter ist das Loslassen eine Herausforderung – denn aus ihrer Perspektive ist die Entwicklung ihrer Tochter von großen Veränderungen durchzogen. Von der Schwangerschaft, dem Säugling, dem Kindergartenkind, der Teenietocher bis hin zu der erwachsenen Frau, die vielleicht dann sogar selbst Mutter wird.


Aus Sicht der Tochter war die Mutter in einer stetigeren Rolle. Irgendwann bemerkt sie den Alterungsprozess, später eventuell die Rollenumkehrung, wenn sie pflegebedürftig ist, aber in der Regel ist sie ganz lange einfach „die Mutter.“


Sich von der Mutter unabhängig zu machen ist nichts Negatives, sondern der Reifungsprozess aus der ursprünglichen Symbiose mit der Mutter zu treten.


  • Vom Anderssein

Manche Töchter sind ihren Müttern in vielem ähnlich, manche sehr unterschiedlich. Manchmal findet man sich vielleicht auch in Verhaltensmustern wieder, die man eigentlich nicht mochte. Man ist jedoch nicht die Mutter. Du bist eine eigenständige Person und darfst neue Entscheidungen treffen, wie du sein möchtest. Viellicht möchtest du in deiner Partnerbeziehung oder Erziehung deiner Kinder bewusst anders machen.


Was möchtest du vielleicht genauso machen wie deine Mutter?

Was möchtest du anders machen?

  • Von Konfliktfeldern und Zielen

Manch eine Tochter möchte das Fliegen gar nicht lernen und geht keine Reifungsschritte. Das Hotel Mama wird überstrapaziert und entweder bleibt auch die erwachsene Tochter in co-abhängigen Verhältnissen oder wird irgendwann eben aus dem Nest geworfen.


„Ich will nur dein Bestes“. Bei der Vorstellung können die Perspektiven von Mutter und Tochter auseinandergehen. Das kann sich zum einen durch eine aktive Einmischung in das Leben der längst erwachsenen Tochter oder zum anderen als passives Interesse äußern, das von der Tochter fast schon als „ist mir egal“ Haltung empfunden wird. Man schlägt oft ins eine oder andere Pendel.


Es bleibt eine Aufgabe gesunde Grenzen zu stecken, in der Kommunikation nachzureifen und im Erwachsenenleben nicht unter den Sätzen der Mutter lebt, sondern handlungsfähig wird eigene Entscheidungen zu treffen.


In der Bibel in Epheser 4:14 heißt es, dass wir keine „unmündigen Kindern mehr sein sollen“, sondern am Geist der Liebe festhalten, damit wir im Glauben wachsen und in jeder Hinsicht mehr und mehr dem ähnlich werden, der das Haupt ist, Christus.“


Das kann praktisch unterschiedlich aussehen, aber wünschenswert für die erwachsene Mutter-Tochterbeziehung wäre, wenn wir mit der eigenen Mutter in Dankbarkeit und Klarheit umgehen lernen. Wenn wir mit der eigenen Vergangenheit ausgesöhnt sind und der Mutter / den Eltern für Fehler vergeben können. Unabhängig und frei entscheiden zu können, ohne sich rechtfertigen oder entschuldigen zu müssen für das, was ich tue oder wie ich es tue. Als Mutter die Tochter loslassen und ihr ein eigenes Leben zuzugestehen. Dazu gehört auch, dass man sich mit der eigenen Unvollkommenheit versöhnt und Gott zutraut, dass er auch mit unseren Fehlern und unseren Grenzen Gutes entstehen lassen kann, will und wird.


Es bedeutet auch, dass wir um Vergebung bitten können und das klärende Gespräch suchen können.

In meiner limitieren Erfahrung, aber aus der Praxis erfahrener Seelsorger, ist es wahrscheinlicher, dass konkrete Schritte zur Versöhnung von der Tochter ausgehen. Die Mutter ist manchmal zu alt und kann sich kaum noch ändern. Eine Entschuldigung der Mutter, oft ohne konkrete Folgen ist leider oft das Maximum, was die Tochter erhält, was häufig zum Bruch oder Bitterkeit führt. Doch man kann auch konstruktive Ideen zur „Versöhnung“ beisteuern, selbst wenn der Wunschtraum einer komplett vollständig geheilten Beziehung oder das Zurückdrehen der Zeit nicht machbar ist.


Meine Mentorin, die unter schwierigen Umständen groß geworden ist und bis in ihre nun späten 40er hinein ein schwierige Beziehung zu ihrer psychisch erkrankten Mutter hat, sagte mir einmal über ihre Mutter:


„She did the best she could with what she had and knew.“

„Sie hat das Beste getan, mit dem was sie hatte und wusste.“ Es kann eine befreiende Anerkennung sein, wenn wir unseren Müttern unterstellen, dass sie das Beste, was sie wussten und konnten, weitergegeben haben. Anzuerkennen, dass sie selbst in mancher Unreflektiertheit, Unsicherheit und eigener Verletzung das Beste, was sie konnte, getan hat. Denn vielleicht konnte sie nicht mehr.


Inwiefern hilft es dir in deiner Mutterbeziehung deiner Mutter das Beste zu unterstellen?


Trost und Hoffnung

Gott hat sich Mutterschaft als eine Aufgabe der Fürsorge und des Schutzes vorgestellt, und Muttersein ist eine der härtesten Aufgaben. Sie machen nicht alles richtig, aber darum geht es ultimativ auch nicht.

Gott kommt in diese Lücke hinein und das kann für Töchter, wie für Mütter eine entlastende Perspektive sein. Gott wünscht sich starke, versöhnte und geklärte Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern, aber da wo dieses Unterfangen nicht gelingt, ist Gott noch nicht am Ende:


In Jesaja 49, 15 heißt es:

Doch Gott antwortet: »Kann eine Mutter ihren Säugling vergessen? Bringt sie es übers Herz, das Neugeborene seinem Schicksal zu überlassen? Und selbst wenn sie es vergessen würde – ich vergesse dich niemals!“

Gott kann dich nicht vergessen. Gott kann den entstandenen Mangel heilen, er kann Frieden schenken und Neues schaffen, selbst wenn unsere Beziehungen nicht dem Ideal entsprechen und auf dieser Erde vielleicht auch nicht zu der Klärung kommen, die wir uns gewünscht hätten.


Denn der sicherste Ort bleibt Gott selbst.

193 Ansichten0 Kommentare

Comments


bottom of page