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Frauenfrage #3: Aussöhnung, oder wie ich die Frage nicht mehr stelle.



Musst du Pastorin sagen?


„Kannst du mir dann wenigstens versprechen, dass du nicht Pastorin wirst?“ „Musst du predigen sagen?“ „Ich könnte die Predigt einer Frau nicht annehmen.“

Manchmal fallen mir die Begegnungen morgens beim Aufwachen ein, in denen solche Sätze fielen. Es sind Erinnerungen, die mich erschöpfen.

Für manche ists okay, dass ich pastorale Aufgaben ausübe, aber Pastorin muss frau sich doch nun wirklich nicht nennen. Vor Frauen und Kindern einen Input halten das ist okay. In der Mission geht quasi auch alles. Aber vor Männern lehren, das geht aber gar nicht. Das ja, das andere nein. Ein Lied vortragen ja, aber doch nicht singen. So manche Regel ein Kunstgriff.

Ich wurde so oft in meinem Leben gefragt, ob ich wirklich „predigen“ sagen muss. „Nenn‘s doch einfach anders, was du tust.“


Als ich einmal zum Predigen eingeladen war, bekam ich ein paar Tage vorher einen Anruf. Es war die Bitte, ob ich bei der Predigt davon absehen könnte die Bibel auszulegen. Ein Mann im Team hätte ein Problem damit, dass ich als Frau die Bibel auslege. Die Predigt war fast fertig und ich nach fünf Jahren Theologiestudium mit der Aufgabe völlig überfordert eine Predigt zu halten, in der ich nicht die Bibel auslegen darf. Was denn sonst? Mit den Gebrüdern Grimm oder anderen literarischen Werken kannte ich mich nicht halb so gut aus, um sie als Ausgangsbasis zu verwenden. Ich blieb also bei der Bibel.


Meine Platzanweisung kommt nicht von dir.


Mir wurde in den vergangenen Jahren mehrfach vorgeworfen, dass ich „einfach nur in männliche Sphären“ dringen möchte. Dass ich zu emanzipiert bin und „meinen Platz nicht kenne“. „Dass ich so nie einen Ehepartner finden würde, denn wer will schon eine Pastorin zur Frau“. „Schade, dass du eine Frau bist, als Mann wärst du ein toller Leiter.“ Ach, so manches Gesagte darf dann auch für immer getrost im Archiv verschwinden. Mich haben solche Kommentare zuerst verunsichert, dann traurig gemacht. Mittlerweile treffen sie mich in der Regel nicht mehr. Nicht, weil ich abgestumpft bin oder es mir egal ist, was andere denken. Ist es nicht. Aber ich weiß und Gott weiß, dass ich mir diesen Weg nicht zusammenbasteln konnte und ihn auch nicht als Trotzakt an mich gerissen habe. Ich gehe diesen Weg aus Treue zu meiner ersten großen Liebe. Jesus. Punkt. Ich bin begeistert von seinem Wort, bewegt von seinem Geist und zutiefst inspiriert von seiner Größe, seiner Gnade und seiner Liebe. Ich bin hier, weil Gott mich zu jedem einzelnen Schritt ermutigt, befähigt und berufen hat. Und Ermutigung hat es so viel gebraucht. Ganz viel göttliche Ermutigungsarbeit. Ich bin hier, weil alles andere ein Nein an Gott wäre. Und in diesem persönlichen Ringen in meinem Herzen, meiner Liebe zu Gott und seinem Wort, meinem Frieden über seinen Weg mit mir, habe ich mit Ende 20 zum ersten Mal das Gefühl von Freiheit in der Frage erlebt. Ich erlebe, dass sich aus meinem Gottverständnis ein Selbstverständnis ergibt, dass von Leichtigkeit geprägt ist. Ich muss mich nicht erklären, beweisen, geschweige denn rechtfertigen. Ich möchte die gute Nachricht von Gott in diese Welt tragen. Die Hoffnung teilen, die in mir ist. Mich irritiert es mittlerweile befremdend, wenn mir junge Männer und Frauen Anfang 20 meinen kundtun zu müssen, dass sie das falsch finden und nicht annehmen könnten, was eine Frau von der Kanzel sagt. Mittlerweile lasse ich mich da nicht mehr auf Diskussionen ein, denn es ist schlichtweg keine Front, an der sich die Energie lohnt. Ich frage mich aber, ob das Evangelium aus meinem Mund überhaupt weniger wahr sein kann als aus einem männlichen. Kann Autorität von der Kanzel nicht eh nur verliehen, und nicht verdient oder an sich gerissen werden? Erhalten wir nicht beide die Autorität von dem Wort Gottes, das wir predigen? Eins habe ich mittlerweile recht klar: Meine Platzanweisung kommt nicht von dir und Du bist nicht derjenige, der darüber entscheidet. Meine Platzanweisung kommt von Gott. Ein zweites fällt mir schwerer. Es fällt mir schwer auf dem versöhnlichen Weg zu bleiben.


Mit Wunden auf dem Weg.


Ich sehe meinen Auftrag nicht darin einen offenen Kampf auszutragen. Ich möchte Brücken bauen, keine Kriege führen. Ich kann stehen lassen, wenn Einzelpersonen das anders sehen und akzeptieren, dass manche Kirchen das anders leben. Es macht mich traurig, weil Potenzial für die Sache Gottes unausgeschöpft bleibt. Es macht mich auch wütend, wenn ich Ungerechtigkeit erlebe und sehe. Und ich bin nicht davor gefeit, dass ich von der Situation nicht manchmal überwältigt werde. Ich habe mich in den vergangenen Jahren so viel mit der Ungerechtigkeit gegenüber Frauen auseinandergesetzt – mit systematischer Unterdrückung, mit dem Kampf um Gleichberechtigung, der Geschichte afro-amerikanischer Frauen, Femiziden und Genitalverstümmelungen – ich las alles, was mir in die Hände kam, manchmal bis mir schlecht wurde. Ich sehe mittlerweile auch wie privilegiert meine Reise der letzten Jahre ist und wie der Mehrheit der Frauen weltweit die Selbstverständlichkeiten meiner Erfahrung verwehrt ist. Die Trauer trifft mich in Wellen - manchmal staut sich aufgrund eigener und fremder Verletzungen so viel Wut in mir an, dass ich schreien könnte und doch mehr Revoluzzerin sein möchte, als die Diplomatin mit dem großen Verständnis, der Geduld und der Hoffnung.

Im Rahmen meiner Bachelorarbeit habe ich mich mit viel feministischer Literatur beschäftigt und der großen Kritik an dem männerdominierten Paradigma dieser Welt und der systematischen Kleinhaltung der Frau durch das Patriachat. Ich möchte diese Grundnarrative nicht einfach übernehmen - denn obwohl sie meine Erfahrung berührt, sich vielfach aufdrängt, hilft sie mir für meinen Blick in die Zukunft nicht gleich weiter. Ich möchte kein Leben im Misstrauen gegen „alle Männer“ leben. Ich möchte nicht mit der Unterstellung begegnen, dass Organisationen und Männer mich unterdrücken wollen. Ich möchte kein Leben und keine Hermeneutik des Grundverdachts atmen.

Ob mir das immer gelingt?

Ganz sicher nicht immer, fragt da gerne die Männer, mit denen ich arbeite. Manchmal fällt ein spitzer Satz meinerseits in Richtung meiner männlichen Kollegen, den ich gerne zurückgenommen hätte. Der ihnen Frauenfeindlichkeit unterstellt, die mehr mit meiner Geschichte, als mit ihrem Umgang mit mir zu tun hat. Der ihnen Verantwortung zuschiebt, die sie nicht haben. Der mehr mit meinen Wunden, als weniger mit ihnen zu tun hat. Denn nur weil sie Männer sind, stehen sie nicht für alle Männer dieser Welt und schon gar nicht für die Menschen, die mich verletzt haben. Sie entlarven das und nehmen mir manchmal ganz freundlich den Wind aus den Segeln. Dass da viel Wind ist, haben sie nicht verantwortet. Gleichzeitig verstehen auch sie mich nicht immer und reproduzieren unwissentlich Verletzungen. Wir haben unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen, Wissen und auch unterschiedliche Meinungen. Das hat Potenzial für Missverständnisse, Konflikte und Zerwürfnisse.


Ich bin keine Heilige, aber auch kein Opfer.


Ich möchte mich nicht vor dem Hintergrund meiner Erfahrung hinter einer Rolle verbergen. Ja, ich habe Strukturen erlebt, die mich aufgrund meines Geschlechts benachteiligt haben. Ich bin Opfer fieser Seitenhiebe und Sätze geworden, die Wunden hinterlassen haben. Aber ich bin auch nicht mehr in der gleichen Situation. Ich möchte meine Geschichte nicht wie ein Schutzschild vor mir hertragen, sondern Verantwortung für meinen Trigger übernehmen. Und die gibt es trotz versöhnlichen Anliegens. Ich reagiere nicht immer angemessen. Ich schlag zurück, kann scharfzüngig sein, projiziere und mache Fehler. Für die möchte ich mich dann entschuldigen. Aber ich bin diese Debatte auf so unterschiedlichen Ebenen auch leid. Erschöpft von ihr und gleichzeitig bleibend mit ihr konfrontiert.

Gleichzeitig habe ich den aufrichtigen Wunsch ins Gespräch zu kommen und gemeinsam auf dem Weg zu bleiben. Ich frage mich, ob wir andere Fragen stellen können. Uns versöhnlicher und liebevoller begegnen können und uns weniger angreifen und angegriffen fühlen können. Können wir uns auch in dieser Frage als Kirche an dem orientieren, was Jesus vorgelebt hat? Ich erlebe es in meinem Team, dass wir da miteinander unterwegs sind. Uns in unserer Unterschiedlichkeit und Meinungsverschiedenheit annehmen. Uns gemeinsam fragen, wie wir für die Menschen in unserer Kirche und für diese Stadt das Evangelium predigen. Wo es um einen Fokus geht, der unseren Blick von unseren Differenzen auf das Wichtige lenkt. Wo wir lernen, schnell zu vergeben, einander zu vertrauen und uns gegenseitig das Beste zu unterstellen. Das trägt nicht nur zu meiner persönlichen Heilung bei, sondern führt auch dazu, dass wir uns die richtigen Fragen stellen. An der eigentlichen Front kämpfen.


Ein Wunsch meinerseits.


In meinem Leben ist viel Energie in die Diskussion dieser Thematik geflossen. Und Worte haben Macht. An mir ist es nicht spurlos vorüber gegangen, wie oft ich gehört habe, dass das was ich tue, nicht von Gott gewollt sein kann. Wenn du den Impuls verspürst Frauen zu sagen, was sie zu tun und zu lassen haben, dann würde ich dich bitten, dass Du eine Extrarunde drehst und dich A) fragst, woher dieser Impuls gerade kommt und B) überlegst, ob es eine echte Ermutigung ist, was du zu sagen hast. Ich treffe in meiner Arbeit auf viele junge Frauen, die sich durch zahlreiche Entmutigungen durchringen und es tut mir stellvertretend weh.

Wie sehe unsere Welt aus, wenn diese vielen entmutigenden, korrigierenden und kleinhaltenden Sätze gegenüber Frauen, in Ermutigung, Demut und Freisetzung übersetzt würden? Wieviel Potenzial würden wir in Kirche freisetzen, wenn wir Menschen ermutigen, anstatt sie in ihre Schranken zu verweisen? Wenn wir weniger auf uns, und mehr darauf blicken, was Jesus tut und tun möchte.


Mein Traum von Kirche.


Ich wünsche mir dieses versöhnte Miteinander, das Gott im Blick hat. Ich sehe in Galater 3,28 eine Hoffnung, in der wir noch nicht vollständig leben, aber von der wir träumen dürfen und Schritte erleben können, wie das für unsere Generation greifbar wird:


„Hier gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Juden und Griechen, zwischen Sklaven und freien Menschen, zwischen Mann und Frau. Denn durch eure Verbindung mit Jesus Christus seid ihr alle zusammen ein neuer Mensch geworden.“

Jesus und Paulus brechen mit der strengen gesellschaftlichen Hierarchie der Antike und werten Frauen entgegen den Konventionen ihrer Zeit stark auf. Paulus malt uns eine Wirklichkeit vor Augen, wie sie ideal wäre. Die Wirklichkeit einer Kirche, wie sie der Vision Gottes einer versöhnten Gemeinschaft entspricht. Davon träume ich. Von dieser Freiheit in Christus. Von einer Kirche, die sich weder in gesellschaftliche Erwartungen pressen lässt, noch sich ihnen weltabgewandt verschließt, sondern die attraktiv und lebendig die gute, befreiende Botschaft von Jesus lebt. Einladend. Gewinnend. Auf das gemeinsame Ziel ausgerichtet. Einer Kirche, in der wir uns gemeinsam die Frage stellen, wie Menschen in dem was wir sagen und leben, auf Gott hingewiesen werden.

Wie das konkret aussehen kann, hat auch heutzutage mit Kontextualisierung zu tun. Wie ich im 21. Jahrhundert als Frau in Frankfurt in einer Kirche tätig bin und wie das in einer Kirche im Jemen aussehen würde, hat mit Gesellschaft, Geschichte, Kultur und auch Zielsetzungen zu tun. Es gibt auch heute noch Kulturen, in denen einen Sache als diskreditiert gilt, wenn sie von einer Frau vorgestellt wird. Das ist zum einen zwar schade, aber zum anderen wäre es unweise und wenig zielführend, wenn ich mich Frau aus einer westlichen Großstadtkultur heraus darüber hinwegsetzen würde.

Können wir uns zusammen hinsetzen und uns gemeinsam überlegen, wie wir als „Lichter in dieser Welt?“ leben wollen? Wie die gute Botschaft von Gott ankommt? Ich meine, dass wir dafür alles in Bewegung setzen sollten, was wir haben. Gib das, was du hast. Setze das ein, was du empfangen hast. Wachse, blühe auf, investiere neu. Lasst uns gemeinsam stehen und nicht gegeneinander, sondern miteinander kämpfen. Für Gerechtigkeit, für Liebe, für Freiheit, für eine Kirche, die Teilhabe ermöglicht.


Es geht nicht um mich.


Ich meine nicht, dass ich bei dem Thema bei der einen „Wahrheit“ rausgekommen bin und meine Meinung in alle Richtungen wasserdicht verteidigen könnte. Ich habe offene Fragen, sehe Herausforderungen und bleibe auch auf einem Weg des Lernens und Begreifens. Ich erlebte, dass die Freiheit bei dem Thema für mich nicht nur dadurch kam, dass ich die Debatte ein für alle Mal geklärt hätte. Mir half neben der theologischen Auseinandersetzung, auch die Akzeptanz meiner Berufung und die Annahme der großen Geschichte, die Gott schreibt. Davon Teil zu werden, hat mich in die Freiheit geführt. Es ist eine Vision, die die „Frauenfrage“ seltsam blass aussehen lässt und unter ferner liefen verbucht. Es war einige Monate nach meiner Bachelorarbeit, dass mir die Veränderung in mir auffiel. Ich hatte mir nicht vorstellen können, wie es sich anfühlt, wenn Fragen, die einen so lange beschäftigt, umgetrieben und auch zermürbt haben, sich einfach nicht mehr stellen. Ich spürte, wie eine Freiheit und Leichtigkeit anstelle der Enge und Unsicherheit getreten waren. Stückweise kehrte eine Freude über den eingeschlagenen Weg ein und ließ die Angst zurück. Die Frage, die mich über Jahre so angestrengt hatte, stellte sich einfach nicht mehr. Und ich verlor das Gefühl für die Vehemenz, mit der sie ausgefochten wurde. Diese Freiheit war mehr ein unverhofftes Geschenk als der Triumpf nach einer gewonnenen Schlacht. Es ging mir nicht ums Recht haben, sondern darum wie ich den Weg meiner Berufung gehen kann, ohne daran zu zerbrechen. Ich blicke mit großer Dankbarkeit auf die vergangenen Jahre zurück. Mit einem ehrfürchtigen Staunen über Gott. Gott hat etwas zusammengebaut, was ich nicht harmonisch zusammengebracht habe.

Vor ein paar Jahren stehe ich vor meiner Kirche und halte eine Predigt. Es war kurz vor Weihnachten und quer durch den Raum leuchteten zahlreiche Lichterketten. Wie jedes Licht seinen Platz hat, so spürte ich, hatte auch ich meinen Platz gefunden. Es war, als würde Gott mir zuflüstern, dass ich genau da bin, wo ich gerade sein soll. Es war die Antwort auf eine alte Frage. Die Frage welchen Weg ich gehen sollte, die ich Anfang 20 an Gott richtete. Und als ich so in die Lichter blinzelte, wusste ich, dass dies mein Weg ist. Er hat mich gesucht und gefunden.


Er ist meine Geschichte mit Gott und Gottes Geschichte mit mir.


Und das bleibt der Fokus.


Es geht doch um Gott.

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