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Frauenfrage #1: Meine Story, oder warum es überhaupt (m)eine Frage ist.


„Wie stehst du zur Frauenfrage?“


Früher geriet ich bei der Frage unter Stress. Mittlerweile stiehlt sich bei dem Wort ein leichtes Schmunzeln auf meine Lippen. Die Frauenfrage. Ganz unschuldig könnte man fragen, was die Frage denn meint. Ob es sie gibt, die Frauen? Ich bin doch selbst eine. Oder wird man nach seiner Meinung gefragt, wie man sie findet, die Frauen? Das Pendant „Männerfrage“ gibt es übrigens nicht.


Historisch steht die „Frauenfrage“ für einen öffentlichen Diskurs ab dem 19. Jahrhundert. Im Zentrum die Frage, wie Gleichberechtigung von Frauen in der modernen Gesellschaft verwirklicht werden kann. Es geht seit über 150 Jahren also dezidiert um die Frage „Was darf sie denn, die Frau“? Gefühlt ist die Frage ein Relikt vergangener Zeiten. Aber wenn man wie ich 1988 geboren ist, hatte es erst ein Jahrzehnt vorher der letzte schweizerische Kanton geschafft, das Frauenwahlrecht einzuführen. Verrückt, oder? Für mich war und ist die Frage allerdings nicht nur historisch interessant, sondern eine persönlich tiefgreifende Auseinandersetzung, die mich jahrelang umgetrieben hat: „Was darf ich denn als Frau?“ Ich bin in einem kirchlichen Umfeld aufgewachsen, in dem es hierarchisch verstandene Geschlechterrollen gab. Die Debatte nach der Rolle der Frau in Kirche, Familie und Gesellschaft wurde leidenschaftlich diskutiert. Allgegenwärtig und selbstverständlich schwebte, seit ich denken kann, ein Frauenbild über meinem Kopf, das einen ganz festen Platz und eine klare Platzanweisung hatte. Dieser Platz sah nicht vor, dass Frau großartig Karriereambitionen oder Leitungspositionen verfolgte, geschweige denn in einer Kirche predigte. Es war so selbstverständlich, dass ich das nicht prinzipiell in Frage stellte und es auch nicht geplant hatte auf jeden Fall anders zu werden. 2021 bin ich aber anders und bin geworden, was ich nicht wollte. Eine Theologin, die in der Kirche predigt.


Nichts Neues.


Vielleicht bist du mit der gegenteiligen Selbstverständlichkeit aufgewachsen und hast dir die Frage noch nie gestellt, was eine Frau darf oder nicht darf. Vielleicht vertrittst du auch die Meinung, von der ich mich im Laufe der letzten Jahre verabschiedet habe. Das ist okay, zumindest für mich. Ich möchte in erster Linie nicht informieren oder überzeugen, sondern meine Geschichte teilen. Es ist meine Geschichte, die ein Ringen und Fragen, sowie jahrelanges Suchen, Erklären und Verteidigen beschreibt. Es ist meine existentielle Auseinandersetzung mit dem wer ich bin, sein darf und sein soll. Ich sage in den kommenden Zeilen weder etwas Revolutionäres noch etwas grundlegend Neues. Dafür bin ich zu spät geboren. Menschen vor mir haben schon sehr viel Kluges zum Thema erforscht und geschrieben. Ich möchte euch in den kommenden Zeilen daher von meiner Reise erzählen, mich ehrlich und auch unfertig positionieren. Und Ich möchte zeigen zu welcher Freiheit, Leichtigkeit, Selbstverständlichkeit und Freude sie geführt hat. Ich teile diese Texte in der Hoffnung, dass du ermutigt und herausgefordert wirst. Dass du eine Geschichte liest, die deiner Erfahrung sehr fremd ist und sie deinen Horizont erweitert. Oder, dass du dich in ihr wiederfindest, dich verstanden fühlst und ermutigt wirst deinen Weg weiterzugehen.


„Hab gehört du willst Pastorin werden. Wie vereinbarst du das mit dem, was in der Bibel steht?“

Typ, wenige Jahre älter als ich und mir nur vage bekannt, lässt sich mit dieser Frage auf den freien Platz neben mir fallen. Wir gerade auf einer Feier, ich den Mund voll mit Kuchen und blicke verblüfft auf. Typ grinst frech, schnappt sich den freien Kuchenteller zu meiner Linken und verkündet: „Ich gehe mir jetzt nen Kuchen holen und bis dahin hast du dir hoffentlich eine gute Antwort überlegt.“ Typ rauscht davon und ich rolle mit den Augen. Ich muss mir keine Sekunde lang überlegen, was ich antworten werde. Typ kommt wieder, plumpst neben mir auf den Stuhl und schaut mich erwartungsvoll an. Ich lächele freundlich und erkläre in den kommenden zwei Stunden geduldig, warum ich mich dazu entschieden habe Theologie zu studieren, warum ich predige, warum ich leite, existiere und atme. Und wie ich das Ganze problemlos mit einschlägig bekannten Bibelstellen harmonisiere. Okay Spaß, so war es nicht. Ich hätte ihm am liebsten meinen Kuchen in sein herablassendes Lächeln gepfeffert und entschied mich dann diplomatisch für ein „Klappt eigentlich ganz gut. Aber sorry, ich habe heute keine Lust das näher zu erklären“ und beließ es dabei. Das war nicht immer so gewesen, denn ich habe mich oft auf die Frage eingelassen. Erzählt, erklärt, verteidigt. Ich musste lernen, dass die Frage ganz unterschiedlich gemeint sein kann. Manche wollen einfach sticheln oder korrigieren, manche wollen darüber diskutieren und manche wollen einfach hören, wie mein Weg mit der Frage gewesen war. Doch irgendwann war ich müde geworden. Wie an diesem Winternachmittag auf der Feier. Müde, vor Bekannten und Unbekannten, zu Zeiten und Unzeiten, Stellung beziehen zu sollen.


Ich bin in einem gemeindlichen Kontext großgeworden, den ich heute versöhnt würdigen kann, mir aber oft gewünscht habe, dass es in dieser Hinsicht leichter gewesen wäre. Mein aus Rumänien spätausgesiedelter Großvater hatte die Kirche gegründet und meine Generation wuchs in einem Spannungsfeld schwer zu trennender kultureller und theologischer Faktoren auf. Weltabgewandte Vorstellungen koexistierten neben warmherzigsten Menschen, dynamische Jugendliche trafen auf rigide Regeln. So manche Aussage über Gott und die Welt brachten mich schon in meinen frühen Teeniejahren ins Zweifeln, aber führten nicht zum Bruch. Sich innerhalb des sicheren Netzwerks, in dem man einen festen Platz hat, kritisch zu äußern hatte seine Grenzen und seinen Preis.


Ich hatte viele Fragen und bekam viele Antworten. Einige zufriedenstellend, andere weniger. Wie kann man von Glück sprechen, aber unglücklich wirken? Wie von Freiheit sprechen, aber so kleinliche Grenzen ziehen? Von Liebe sprechen, aber im Streit auseinandergehen? Wie kann etwas Wahrheit sein, mir aber nicht einleuchten? Über Frauen in der Kirche sprechen, aber nicht mit ihnen. „Die Frau schweige in der Gemeinde“. Ich habe das nicht komplett hinterfragt. Es war so und wurde mit Bibelstellen konsolidiert. Die Kirchen, in denen Frauen predigten und leiteten, waren keine Kirchen, die Gott gefielen. Unbiblisch. Ungehorsam. Und das wollte ich nicht sein. Ich war unkompliziert und anpassungsfähig. Es gab klare Vorstellungen, wie eine christliche Frau sein sollte. Es gab sichtbare und unsichtbare Grenzen und wir diskutierten über Rocklängen, ob man Schmuck tragen dürfte und wie man das Thema „Unterordnung“ in der Ehe lebt. Trotz meiner kritischen Anfragen wollte ich ins Bild passen und stellte häufig mit Erschrecken fest, dass meine bloße Persönlichkeit dem Idealbild zu widersprechen schien, bzw. bekam das auch zu hören. „Franzi, Männer mögen keine Frauen, die etwas besser wissen.“ „Dein Mann tut mir jetzt schon leid.“ „Du diskutierst auch lieber, als in der Küche zu helfen.“ Es war ein ständiges Ausloten von zu viel und zu wenig. Es war ein Ringen, ein Identifizieren, ein Abgrenzen, ein ins Gespräch treten. Meine Auseinandersetzung mit meiner gemeindlichen und kulturellen Prägung lässt sich nicht schwarz-weiß skizzieren, sondern ist eine Malerei mit vielen Bunt- und Grautönen. Mir geht es nicht darum, dass ich rückblickend abrechnen möchte, aber so manches, was Frauen in konservativ gemeindlichen Kreisen zugemutet wurde und wird, lässt mich heute nur den Kopf schütteln. Tut mir stellvertretend weh, macht mich traurig. Es gibt Tage, da stolpere ich auch heute noch über eine Äußerung, bei der sich die Tür zu meinem eigenen Erinnerungskabinetts geschmackloser Äußerungen auftut. Kommentare darüber, wie eine gott-wohlgefällige Frau aussieht, sich kleidet, redet oder eben auch nicht. Es gibt Social Media Kanäle und dazugehörige Kommentare, mit denen ich es keine 10 Sekunden aushalte, weil Inhalt und Sprache Momente heraufbeschwören, die ich nicht 24/7 vor Augen haben kann.


Auf der anderen Seite lerne ich in meinem Gemeindekontext aber auch das Diskutieren. Ich wäre vermutlich nicht so schlagfertig und kritisch geworden, hätte es nicht so viel Reibungsfläche gegeben. Ich fing früh an Philosophen und Theologen zu lesen, kannte mich in der Bibel gut aus und konnte diese auch wiedergeben. Ich hatte eine Leitungsgabe, war wissbegierig und konnte ein Gespräch führen. Ein Jugendleiter nannte mich das „Zugpferd der Jugendgruppe“, aber mit sichtbaren und unsichtbaren Grenzen wurde markiert, dass es für mich als Frau nicht die gleichen Perspektiven wie für Männer mit den gleichen Gaben gab. Ich war 18, als mir gesagt wurde, dass eine theologisch interessierte Frau ab 20 „gefährlich“ wird. Ein Scherz illustriert mein Dilemma. Ein Mitarbeiter meiner Jugendgruppe schrieb mir einmal per Chat, dass sie sich überlegt hätten, dass auf der nächsten Jugendfreizeit Frauen auch die frühe Morgenandacht leiten könnten. Er hätte dabei an mich gedacht, da ich das sicher super machen würde. Ich fühlte mich geschmeichelt durch das Kompliment und empfand es als große Ehre und positive Entwicklung und sagte nach kurzer Überlegung zu. Seine Antwort: „War nur ein Spaß gewesen. Als ob wir das machen.“ Ich ärgerte mich mehr über mich selbst, als über ihn. Er war echt ein netter Kerl und wir seit Jahren befreundet. Aber wie hatte ICH wirklich geglaubt, dass es ernst gemeint sein sollte. In solchen Zurückweisungen musste man aber als Frau auch richtig reagieren, denn keiner meinte es natürlich böse. Also ein Lachsmiley als Antwort. Frauenfeindliche Kommentare waren doch immer nur als Witz gedacht. Regte man sich auf, stellte man sich an. Hierarchische Strukturen in der Kirche waren eben gottgewollt - was manchmal bedauernd und manchmal scherzhaft gesagt wurde, aber immer ernst gemeint war. Aufbegehren, kritische Äußerungen und die Infragestellung des Systems waren Ausweis meines eigenen irregeführten weiblichen Herzens. Rebellisch stand allerdings gar nicht auf meiner Fahne. Ich war an Veränderung interessiert, träumte von Freiheit. Ich war mehr eine Diplomatin und weniger die Revolutionärin. Ich träumte von heilen Welten und fürchtete den Kampf. Ich strebte nach Frieden, Versöhnung und Harmonie. Ich blieb in den Strukturen und nutzte den Freiraum, den ich bekam. So ganz passte ich nicht rein - ich stieß an Grenzen und fühlte mich oft fehl am Platze. Meine Prägung, meine Persönlichkeit und mein Glaube ergaben für mich selbst kein rundes Bild. Aber ich gewöhnte mich an dieses Gefühl, entwickelt einen kritischen Geist und blühte innerhalb der gesteckten Umgebung auf.


Strohmänner abfackeln und meine erste Predigt.


Mein Hintergrund ist nicht repräsentativ in der Debatte, aber es ist eben meiner. Ich merkte erst im Laufe der Zeit, dass so manche Frage, an der ich mich in meiner Jugendzeit aufgerieben hatte, in vielen Kirchen weltweit kaum Themen sind, die wirklich noch zur Debatte stehen. Ich hörte Anfang 20 zum allerersten Mal, dass das „Tabuthema“ „Gleichberechtigung“ in vielen christlichen Kirchen gut begründet anders gehandhabt wird. Ich begegnete gleichaltrigen Frauen, die völlig unberührt von der Problematisierung aufgewachsen waren. Ich fragte mich dann, ob ich mich an längst vergangenen Problemen abrieb und selbstgebastelte Strohmänner abfackelte. In anderen Kontexten wurde meine Prägung nicht selten mit „Ach krass, das gibt’s noch?“ quittiert, was ein seltsames Gefühl in mir auslöste. Eine Mischung aus Scham und Trauer überkam mich, aber gleichzeitig ging ich in die Verteidigung. Von außen wollte ich nicht als obskur gelten, ganz gleich welche kritischen Anfragen ich selbst in mir trug. So blieb ich mit vielen Gedanken und Gefühlen allein, da es sich nicht sicher anfühlte sie zu teilen und mir weibliche Vorbilder fehlten, die mir in diesem Weg vorausgegangen waren.


Mit 21 Jahren, als ich Englisch und Geschichte auf Lehramt in Heidelberg studierte, wurde ich zum ersten Mal gefragt, ob ich im Rahmen eines Studentengottesdienstes predigen würde. Ich kann mich an den Moment noch gut erinnern, denn ich war etwas geschockt über die Anfrage und mein Gefühl sagte mir, dass ich da nicht zusagen darf. Interessanterweise waren es meine Eltern, die mich ermutigten, es doch zu tun. Das blieb für Jahre paradigmatisch. Jede Anfrage, jede Berufung, jeder Stups Gottes in eine neue Aufgabe stieß bei mir auf angstgetriebene Abwehr etwas falsch zu machen. Schuldig zu werden. Es brauchte so viel Ermutigung. So viele Männer und Frauen Gottes, die mich förderten. Weder meine eigene Ambition, noch mein Selbstbewusstsein, noch meine Begabung hätten ausgereicht. Meine erste Predigt wurde zu einer unglaublichen Erfahrung, die mich tief bewegte, über Gott staunen ließ und mir einen neuen Blickwinkel zeigte. Mich eine Seite von Gott entdecken ließ, die ganz tief in mir etwas zum Klingen brachte. Zu der Zeit hatte ich ein Berufungserlebnis und eine Vision begann sich in mir zu formen. Ich hatte einen Eindruck, wie es sich anfühlen wird, wenn ich das tue, zu was Gott mich berufen hat, jedoch ohne es konkret greifen zu können. In den Jahren in Heidelberg machte ich weitere Predigterfahrungen, wurde in Leitungsaufgaben berufen und erlebte, wie Gott Menschen in meinem direkten Umfeld veränderte. Wie Freunde zum Glauben an Jesus fanden. Dabei zu sein, wie Menschen frei werden, Vertrauen lernen, Gott erleben und unter seiner Liebe aufblühen bleibt das größte Wunder, das ich bis heute erlebt habe. Das führte dazu, dass ich nach meinem Examen nochmal ganz neu die Frage stellt: Gott, hier bin ich, was willst du mit meinem Leben tun?


Ich fragte offen, machte gleichzeitig eigene Pläne und erlebte, dass diese an der Idee Gottes zerschellten. Echt jetzt? Theologie studieren? Mitte 20 von Neuem anfangen? Ohne die finanziellen Mittel und ohne klare Berufsperspektive? Was ist aber hiermit und damit? Was ist, wenn?


Ich gehöre nicht zu den waghalsigsten Menschen und hatte die Stimme meines Dad im Ohr, dass man „vorausschauend“ fährt. Für mich fühlte es sich an wie ein mutiger Sprung ins Ungewisse. Für die Menschen in meiner nächsten Umgebung für den natürlichsten Schritt. Ich betete, ich reflektierte und zauderte. Aber ich wagte es, denn in all meinen Ängste, meinen Zweifeln, meinen offenen Fragen war mir dennoch klar: ich folge Jesus. Er macht die Ansagen in meinem Leben. Er ist die Karte, auf die ich mein Leben gesetzt habe und bis jetzt war das eine gute Idee. Ich erlebte in den folgenden Momenten in so vieler Hinsicht Wunder und die Güte Gottes, aber manche Stimmen wollten sicherstellen, dass ich dabei etwas nicht aus den Augen verlor.


„Was ist die weibliche Form von Pastor? – Pastete.“


Der Pastor brach in Lachen aus, als ich ihm erzählte, dass ich Theologie studiere und antwortete mit diesem Witz, den ich gar nicht gleich verstand. Ich würde sicherlich nicht Pastorin werden wollen, denn die weibliche Form davon existiere ja gar nicht, erklärte er. Daher die Pointe des Witzes. Ich reagierte mit einem höflichen Lächeln. „Du willst aber schon nicht Pastorin werden, oder?“ vergewisserte er sich. Ich verneinte die Frage und spürte, wie er sichtlich erleichtert war. Puh, sie ist noch eine von den Guten. Die ersten Jahre meines Theologiestudiums blieb ich bei dieser Antwort. Es schien Menschen zu beruhigen, schuf weniger Reibungsfläche. Bei Männern, wie bei Frauen. „Ich könnte eine Frau, die predigt, nie ernstnehmen“ „Franzi, wenn du Pastorin wärst, weiß ich nicht, ob ich in deine Gemeinde kommen könnte.“ Für viele war es schon schwierig, dass ich überhaupt Theologie studierte. Doch der Gedanke, dass ich damit danach auch einen Beruf in der Kirche ausüben könnte, war definitiv ein Schritt zu weit. Während mich die Nachfrage zwar manchmal nervte, hielt ich der Sache nach allerdings gar nichts dagegen. Ich wollte nicht Pastorin werden. Zumindest nicht ursprünglich. Ich liebte Jesus, wollte mich für Menschen am Rande des Gesellschaft einsetzen, eigenen Fragen auf den Grund gehen, aber seine Kinder fand ich zu anstrengend. Und in seiner Kirche fühlte ich mich fehl am Platz.


Seiltanz.


Ich fand die Jahre im Theologiestudium gleichermaßen erfüllend, wie anstrengend. Ich war am richtigen Ort und liebte die Beschäftigung mit den Themen. Der kognitive Zugang zum Glauben für mich Balsam auf der Seele. Gleichzeitig trafen existentielle Themen und Fragen permanent auf persönliche Herausforderungen und ein hohes Arbeitspensum. Ich arbeitete im ersten Jahr zwei Jobs neben des Studiums um es finanzieren zu können. In langen Wochen des Griechisch-, Hebräisch- oder Lateinlernens versuchte ich den Fokus nicht zu verlieren. Gleichzeitig blubberten Themen meiner Vergangenheit an die Oberfläche und auch die Frage, was ich wie warum als Frau durfte, zehrte von außen und innen an mir. Vor meiner ersten Übungspredigt in meinem Jahrgang hatte ich Albträume. Irgendwann war es zu viel. Nach zwei Jahren Theologiestudium begann eine persönliche Krise und ich schaffe die zweite Hebräischprüfung nur haarscharf.


Viele Fragen, mit denen ich angefangen hatte, waren Vergangenheit. Neue Fragen schossen wie Unkraut aus dem Erdboden, egal in welches Thema ich mich einarbeitete. Manche schwarz-weißen Themen verloren ihre harte Kante und bekamen eine für mich erleichternde Schattierungspalette dazwischen. Die Frage, ob ich predigen darf, für mich existentiell und ungeklärt. Nagend an mir. Ich rang und fühlte mich, als würde ich mit dem Feuer spielen. Ich wusste mich berufen und fragte mich, ob ich mich selbst belüge. Ich hatte mich von meiner gemeindlichen Prägung gelöst und war nirgendwo angekommen. Schwamm umher. Die Zerrissenheit in der Frage, was ich darf und warum ich was darf oder auch nicht, begleitete mich. Ich bekam positive Rückmeldung meiner Dozierenden und Kommilitonen, wurde in meiner neuen Kirche gefördert und ermutigt und gleichzeitig aus den Reihen meiner Herkunft und anderen Kontexten fortdauernd hinterfragt.


Als das letzte Bachelorsemester begann, stand auch die Frage nach dem Master und der Berufsperspektive ins Haus. Ich hatte zum einen genug, denn das Gesamtpaket war zu anstrengend. Ich liebäugelte mit meinem ursprünglichen Plan eines wohligen Beamtendaseins. Engste Freunde hinterfragten meine Motivation. Es ärgerte mich, aber sie erinnerten mich, warum ich überhaupt losgegangen war. Zum anderen spürte ich, dass ich final eine Antwort finden muss, wenn ich meinen zukünftigen Dienst nicht mit der Anspannung eines Seiltanzes tun möchte. Ich würde meine Berufung nicht unter bleibender Angst, erstickender Gedanken und Unsicherheit leben können. Die Aufgabe war schon herausfordernd genug, ohne, dass man sich auch noch ständig wegen seines Frauseins erklären muss. Ich brauchte Klarheit, Gewissheit, Freiheit – in die ein oder andere Richtung. Ich konnte es nicht einfach in meinem Kopf lösen, denn ich konnte Argumente beider Seiten im Schlaf rauf- und runterrattern. Irgendwas fehlte ständig, passte nicht zusammen. Historische, soziologische und biblisch-theologische Argumente warfen sich gegenseitig den Ball zu. Der Buchhändler im Haus druckte mir zwei Literaturlisten aus. Eine lange Liste für die Frau im geistlichen Dienst, eine lange Liste dagegen. Ich fing an mich durchzuarbeiten. Mehr und mehr wurde mir klar, dass es um mehr als die theologische Frage ging, auf die ich eine Antwort suche. Es ging um tiefsitzende Prägungen, Gefühle, Ängste, Verletzungen, mein Geschlecht, meine Gottesbeziehung, hermeneutische Grundannahmen und meine berufliche Existenz. Gefühlt ging es um alles und ich wusste nicht, wie ich diese innere Spannung auflösen sollte. Ich tat also das, was ich damals und heute immer noch am besten konnte. Ich bestellte noch mehr Bücher. Ich fragte neue Fragen, forschte und schrieb meine Bachelorarbeit zu dem Thema und löste die Frage ein für alle Mal.


Okay, Scherz. Natürlich nicht.

Ich habe die Frage nicht für alle gelöst, aber ich konnte sie zumindest von mir und für mich lösen.


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